Gewaltfreies Tanzen - Nuancen beim Führen & Folgen

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Für mich heißt Tanzen lernen für´s Leben lernen. Ich möchte einen genauen Blick auf Aspekte des gemeinsamen Tanzens werfen und reflektieren, wie wir uns dadurch - ganz nach Sokrates - selbst besser kennenlernen. Dabei geht es mir darum, die richtigen Fragen zu stellen und die Frage zu leben.

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Ein drastischer Titel für das Thema Paartanz. Ich habe ihn bewusst negativ formuliert: nicht „sanftes Tanzen“ oder „weiches Tanzen“, nein mir geht es darum, Dir das Thema Gewalt in all seinen Nuancen näher zu bringen und Dich zum Nachdenken anzuregen: was könnte das mit mir zu tun haben? Als Tänzer, Lehrer, als Führende/r und Folgende/r.

Bei dem Wort „Gewalt“ tauchen vor Deinem inneren Auge vermutlich Bilder mit Bezug zu Krieg, Töten, Prügel und Schläge auf. Das ist der unmittelbarste Ausdruck von Gewalt. Sie kann, muss aber nicht physisch auftreten.

Ausdruck und Motivation für Gewalt

Allgemein können die Handlungen als Gewalt bezeichnet werden, bei denen physischer und/oder psychischer Zwang gegenüber Menschen stattfindet.
Gründe dafür können sein:

  • dem anderen bewusst Schaden zufügen zu wollen (dem bin ich auf der Tanzfläche zumindest noch nie begegnet)
  • bereits vorangegangener Gewalt mit Gegengewalt begegnen (dazu kommen wir noch)
  • oder um eine andere Person dem eigenen Willen zu unterwerfen und sie zu beherrschen

Auf den letzten Punkt möchte ich eingehen: Gewalt aus dieser Motivation ist verbunden mit Machtausübung und äußert sich als Zwang. Zumindest im Deutschen hat das Wort dort seinen Ursprung:

Gewalt = von althochdeutsch "waltan" - stark sein, beherrschen

Die Anwendung von Gewalt beim Führen wie Ziehen, Zerren und zu viel Muskelkraft zu benutzen, ist ein Ausdruck der inneren Einstellung: „Ich will, dass mein Partner exakt das macht, was ich will und setze dafür alle mir zur Verfügung stehenden Mittel ein.“

Da missbraucht der Führende zweifellos seine Macht. Er kann vieles bestimmen und gestalten: Das Tempo, die Richtung, die Kombination und die Größe der Bewegungen. Menschen in Machtpositionen können sich an dem Gefühl berauschen und es kommt vor, dass sie Macht einzig zur Durchsetzung ihres Willens nutzen. Ich beobachte das leider regelmäßig im Paartanz, in beiden Rollen und an mir selbst.

Führen mit einem Anteil Folgen und Folgen mit einem Anteil Führen

Schauen wir uns ein Prinzip von Gegensatzpaaren an: Yin & Yang. Gemäß den Rollen, dass Yin eher weibliche Energien repräsentiert (Achtung, NICHT alle Frauen) und Yang die männlichen, können wir analog das Yin als Folgen und das Yang als Führen setzen. Gegensätze funktionieren miteinander, das heißt, beide existieren nur in Anwesenheit des Anderen. Betrachten wir das Symbol genauer, ist in jedem von beiden auch ein Anteil des anderen Aspekts enthalten: Führen mit einem Anteil Folgen und Folgen mit einem Anteil Führen. Es gilt: Yin und Yang können nicht gleichzeitig ansteigen oder absinken. Wenn Yang sich vergrößert, verringert sich Yin und umgekehrt.

Viel Macht bringt viel Verantwortung mit sich. Konrad Adenauer

Was bedeutet das konkret im Paartanz? Als Führender brauchst Du die Fähigkeit, unmittelbar der Reaktion Deines Partners auf Deine „Bewegungsbitte“ zuzuhören. Du kannst also spüren, wie Dein Partner sich bewegt und hoppla, genau das ist die Basis des Folgens! Gleichzeitig bist Du flexibel um Deinen Plan wenn nötig zu ändern: Du startest die Figur und merkst im zweiten Schritt, dass Dein Partner nicht folgen kann (steht auf dem falschen Bein oder ist zu spät oder reagiert nicht auf Deinen Impuls zur nächsten Bewegung). Jetzt zeigt sich, ob Du Gewalt ausübst oder nicht: Bist Du der Meinung, der Folgende SOLLTE (warum eigentlich?) das können, was Du führst und ziehst Dein Ding durch, indem Du versuchst "stärker" zu führen? Dazu setzt Du Muskelkraft ein und behauptest, Du würdest Deiner Partnerin "helfen" Dich besser zu verstehen. Dann hast Du der anderen Person Deinen Willen aufgezwungen. Oder spürst Du und gehst darauf ein und änderst Deine Figur, Rhythmus, Weg etc.? In diesem Moment folgst Du Deiner Partnerin und ihrem Können oder Wollen. Welches von beiden der Grund war, spielt kein Rolle.

"Wer führen will, muss folgen" - Laotse

Im Paartanz zeigt sich das häufig über zu starke Armspannung und ebenfalls zuviel Kraft in den Fingern um den anderen wahlweise dahin schnell genug zu ziehen oder zu drücken, wo man ihn gerne hätte. Werden Körperbewegungen anstelle von Schritten geführt wie bei Bachata, Zouk und Kizomba lässt sich beobachten wie über Armmuskelkraft Oberkörper oder Rücken der Partnerin in die entsprechende Bewegung gebogen werden. Ich schreibe hier bewusst Partnerin, denn das habe ich noch nie andersherum gesehen. Leider wird das als Führung betrachtet und gilt als Standard.

Nehmen wir in der ganzen Diskussion die Folgenden nicht aus: auch Ihr tragt Verantwortung darüber, was Ihr mit Euch machen lasst. Es gibt denjenigen, der Gewalt ausübt und denjenigen, der nichts dazu sagt. So wird sie immer weiter fortgesetzt. Nach unserem YinYang-Beispiel benötigt das Folgen einen Aspekt des Führens: zu wissen, welche Signale der Führende tatsächlich wie einsetzt, was sie bedeuten und welche eindeutig überflüssig sind und auf Kraft anstelle Einladung beruhen. Und die Fähigkeit, entsprechendes Feedback zu geben. Folgen wird gerne mit einem passiven „ich tue alles, was Du sagst/willst“ verwechselt. Das ist es nicht!

Auch Folgende üben Gewalt aus – psychisch.

Auch Folgende wenden übrigens Gewalt an: aus Vergeltung für Gewaltanwendungen beim Tanzen und der Unfähigkeit dieses zu kommunizieren, werden ehemalige Tanzpartner durch aus dem Weg gehen und verweigerten Tänzen psychisch abgestraft. Häufig haben die Tanzpartner gar kein Bewusstsein für Ihre Führung und bekommen somit auch keine Chance, dies zu ändern. In der Kommunikation darüber liegt die Kunst. Womit wir bei der "Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg" sind.

Für beide Rollen gilt der Grundsatz:

„Der Unterschied zwischen Bitte und Forderung liegt in der Konsequenz dessen, was passiert, wenn das Gegenüber das Ansinnen ablehnt. Im Falle einer Ablehnung erlaubt die Bitte beim Gegenüber die flexible Suche nach anderen Möglichkeiten. Bei einer Forderung drohen Sanktionen. Dies muss nicht immer in Form von offensichtlichen Strafen passieren, möglich ist auch die Erzeugung von Angst oder Schuldgefühlen beim Gegenüber (z. B. durch Schweigen oder Vorwürfe).“

So wird der Ball nach dem Feedback des Folgenden dem Führenden wieder zurückgespielt: wie reagiert er auf meine Bitte? Paartanz hat mit Kommunikation zu tun. Es gibt zahlreiche Zitate, die das gemeinsame Tanzen als Sprache der Seele deuten und Bewegungen mit Worten gleichsetzen. Der direkte Austausch über das Tanzen funktioniert nach gleichen Mustern. Schaut mal in Euren Kommunikationsalltag!

Paartanz als Spiegel der Gesellschaft

Das Paartanzen spiegelt unseren Umgang mit Menschen wieder. Fangen wir an, uns dies bewusst zu machen und überlegen wir uns Handlungsalternativen. So können wir die Welt ein Stück gewaltfreier gestalten. Paartanz reflekiert die aktuelle Situation zwischen Männern und Frauen: Männer neigen dazu ihren Willen durchzusetzen ohne Rücksicht und nutzen dazu physische Gewalt. Frauen neigen dazu viel zu ertragen, opfern sich, achten nicht auf ihr Wohlbefinden und rächen sich über psychische Gewalt. (Hinweis: ich spreche hier von Prinzipien nicht von ALLEN Männern und Frauen).

Kannst Du Dich darin wiederfinden? Ich schreibe diesen Artikel auch, um mich selbst daran zu erinnern. Allzu leicht möchten wir auch im Alltag, dass andere Menschen gefälligst tun, was wir wollen. So erwische ich mich, dass ich beim Führen denke „wieso kann sie das denn nicht“. Sobald mir das bewusst wird, kann ich mein Denken und Tanzen ändern und wir haben gemeinsam Spaß zur Musik - in beiderseitigem Einklang. In der anderen Rolle ertrage ich als Folgende zu viel Gewaltanwendung aus Blockade darüber, wie/wann ich das kommuniziere. Mir hat zuletzt ein einziger Salsatanz den Abend verhagelt, denn ich war sauer auf den anderen und sauer auf mich, weil ich geschwiegen habe.

Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen und eine Diskussion anregen, anstatt die vorherrschenden Verhältnisse als „normal“ zu deklarieren und hinzunehmen.

Wie sind Eure Erfahrungen und was noch wichtiger ist: WAS können wir tun und WIE?

verfasst von Diana Horn
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