Er führt, sie folgt... Geschlechterrollen auf dem Prüfstand

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Für mich heißt Tanzen lernen für´s Leben lernen. Ich möchte einen genauen Blick auf Aspekte des gemeinsamen Tanzens werfen und reflektieren, wie wir uns dadurch - ganz nach Sokrates - selbst besser kennenlernen. Dabei geht es mir darum, die richtigen Fragen zu stellen und die Frage zu leben.

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Woran denkst Du zuerst beim Titelbild? Das klassische Bild des Paartanzens: er führt, sie folgt? Es sitzt fest in unseren Köpfen. Dabei ist das Bild neutral, es lässt offen, ob nicht vielleicht gleich die Frau führt. Hast Du daran einen einzigen Gedanken verwendet? Schauen wir doch genauer hin und stellen ein paar Fragen.

Hinweis: Dieser Artikel ist stark inspiriert und in Teilen frei übersetzt vom TEDx Vortrag "Ballroom Dance that breaks gender roles" von Trevor Copp und Jeff Fox. Es ist nicht notwendig, das Video anzuschauen, aber absolut empfehlenswert.

Fangen wir ganz von vorne an.

Unser gesellschaftliches Zusammenleben ist seit mehr als 3 Jahrtausenden geprägt vom Patriarchat. Ursprünglich definiert als die Herrschaft der Väter, ist das System ausgeweitet zur Herrschaft der Männer über andere: sei es in Politik, Wirtschaft oder Ehe und Familie.

Patriarchat bezeichnet laut Wikipedia demnach zugleich ein Konzept und einen Zustand.

Mann und Frau sind in diesem System feste Rollen zugewiesen. Diese zuungunsten der Frauen verteilten Rollen brechen seit dem 18. Jahrhundert immer weiter auf. Erreicht haben viele moderne Gesellschaften für Frauen:

  • politische Teilhabe
  • Selbstbestimmung über Körper
  • Selbstbestimmung über eigenes Vermögen
  • niemandes Eigentum zu sein
  • das Recht ihr Leben frei zu gestalten
  • zumindest auf dem Papier die Anerkennung der Gleichberechtigung von Mann und Frau vor dem Gesetz.

Seit 1908 dürfen Frauen in D politisch aktiv sein, seit 1919 wählen. Seit 1949 sind Männer und Frauen gesetzlich gleichberechtigt. (GG Art. 3 Abs. 1)

Nur weil es geschrieben steht, heißt es noch lange nicht, dass es praktiziert wird. Das fiel auch Vater Staat (man beachte den Sprachgebrauch !) auf und ergänzte 1994 das Grundgesetz:

Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin. GG Artikel 3, Abs. 2

Mittlerweile ist die Überzeugung auch in der Gesellschaft angekommen: oder fordert heute noch ernsthaft jemand, Frauen dürften nicht lernen, wählen oder arbeiten? An der praktischen Umsetzung und der tiefgreifenden Umwälzung hapert es noch: Indizien dafür sind ungleiches Einkommen, die gläserne Decke in der Wirtschaft und Paartanz. Was? Ja, Paartanz!

Der Mann führt, die Frau folgt. Seit Jahrhunderten festgeschrieben, wird diese Verteilung nicht infrage gestellt.

Mit der Liberalisierung der klassischen Kernfamilie und der sexuellen Revolution werden zwar gleichgeschlechtliche Paare auch im Tanz akzeptiert, doch vor allem in Bezug auf ihre Homosexualität. Im Profibereich nicht vorhanden—nichtmal erlaubt—bekommen Partys und Turniere für gleichgeschlechtliche Paare mit entsprechender sexueller Präferenz eine Sonderbehandlung mit eigenen Veranstaltungen. Sie sind damit im öffentlichen Bewusstsein wenig präsent. Siehe z.B. die Turniersportordnung mit Stand vom Mai 2016.

Ein Paar im Sinne der TSO in den Einzel-, Formations- und Mannschaftswettbewerben in den Turnierarten Standard und Latein besteht aus einem männlichen Partner und einer weiblichen Partnerin.Tanzsportverband

Was ist Paartanz?

In erster Linie: einer führt, einer folgt. Aber wer sagt, wer führt und wer folgt? Fast alle Paartänze im Gesellschaftsbereich, seien es Standardtänze wie Walzer und Slowfox, Lateintänze wie Jive und Samba oder Salsa, Zouk, Tango Argentino, Kizomba, West Coast Swing etc. gehen von der gleichen Prämisse aus: der Mann führt, die Frau folgt; Ausnahmen liegen im geringen einstelligen Prozentbereich.

Mehr zu den Rechten der Frau findest Du in diesem Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung.

Steckt uns etwa noch der Ende des 18. Jhd. definierte „natürliche Geschlechtscharakter“ der Frau in den Kochen? Demzufolge sind Frauen „Objekte, keine mündigen, autonomen Menschen, sondern benötigen eine Geschlechtsvormundschaft, ausgeübt durch den Vater, den Bruder oder den Ehemann“. .... oder den Tanzpartner, der vorgibt, was Frau tun darf?

Überzeug Dich selbst

Das Internet spiegelt unsere Werte und Normen. Hervorragend geeignet ist die Google–Bildersuche zum Thema Profitanz: Google einmal „Profi—füge hier einen beliebigen Tanz Deiner Wahl ein—Tänzer“ in der Bildersuche: Du bekommst immer das gleiche Ergebnis: Er ist groß, von weißer Hautfarbe (verfremdet durch Kunstbräune) und kräftiger als seine Partnerin, die immer kleiner und schmaler ist. Die Frage ist ja nicht nur, was wir sehen, sondern was wir nicht sehen? Wir sehen niemals eine den Mann überragende Frau. Niemals eine führende Frau. Niemals einen zart gebauten Mann. Im übrigen auch fast keine Tänzer mit afrikanischer oder asiatischer Herkunft....

Bild von Googlesuche
Google–Suche nach professional salsa dancing

Gleichstellung im Tanzunterricht

Wie haben Mann und Frau zu sein?

Im Tanzunterricht läuft es doch so: wir lernen nicht nur tanzen, wir lernen auch wie wir als Mann und Frau zu sein haben. Erst in meinem letzten Salsa Cubana Workshop wurde ich belehrt, dass Männer gefälligst Machos sein sollen und dies betonen sollen durch „männliche“ Bewegungen, z.B. durch entweder reduzierte Bewegung (bloß nicht zuviel Hüfte) oder durch Betonung des Genitals. Die Frauen sollen bitte immer sexy mit ihren Stylings sein, Beine schön eng zusammen und gaaaanz viel Hüfte.

Ernsthaft gibt es noch Lehrer, die sich partout nicht von Frauen auffordern lassen und das ihren Tanzschülern vermitteln als gute Etikette. Dabei haben Frauen zumindest in Deutschland das Wahlrecht seit 1919! (s.o.) Gegipfelt hat meine Erfahrung darin, dass mir in einem Kizomba–Workshop vom Lehrer verboten wurde, die Männerschritte zu lernen und ich fast rausgeschmissen wurde, als ich mich weigerte zur Frauenseite zu wechseln. Die Begründung war, dass der Lehrer des Lehrers auch keine Frauen erlaube...

An dieser Stelle ein Dankeschön an den Veranstalter, der sich damit auseinandergesetzt hatte!

Die Situation eskalierte nicht, weil ich nachgegeben habe, der Kerl hatte sich ordentlich vor mir aufgebaut. So perplex von der Situation gab es von uns leider keinen öffentlichen Protest in genau diesem Moment. Wir haben uns nur hinterher aufgeregt.

Mit diesem nicht hinterfragten Verhalten unterstützen wir das System und führen es beständig fort! Doch das alte System ist überholt. Es ist Geschichte. Lernen wir unsere Geschichte, akzeptieren sie und machen daraus etwas Neues. Das heißt nicht, dass Männer nicht führen dürfen und Frauen folgen. Wir müssen es nicht verwerfen. Aber die strikte Trennung ist vergangen und wir können damit spielen, unsere aktuelle Gegenwart auch im Paartanz widerzuspiegeln.

Wie kommen wir da wieder raus?

Ein Vorschlag: Wir besinnen uns darauf, was Paartanz ausmacht: Einer führt, einer folgt. Wer was tut, bleibt völlig offen. Spielen wir damit. Erkunden wir die Rollen.

Führen ist nicht per se männlich und Folgen nicht per se weiblich.

Der Physik von Bewegungen ist es völlig schnuppe, welches Geschlecht es gerade anwendet. Sie gilt für beide gleich! Es geht darum, dass wir frei sind, was wir tun wollen. Die Unterschiede zwischen Mann und Frau sind vor allem Propaganda für diejenigen, die etwas brauchen um sich selbst zu definieren. Für alle, die bei Babys zuallererst fragen: Ist es ein Mädchen oder ein Junge?

Im Zeitalter des Individualismus dürfen wir sein, wer wir sind. Nicht nur frei, auch mal eine Rolle wechseln zu dürfen, sondern sogar frei davon, danach beurteilt zu werden, welche Rolle wir gerade einnehmen! Ein Mensch schlüpft im Laufe seines Leben in viele Rollen: Kind, Freund, Partner, Elternteil, Kollege, Chef, Täter, Opfer...... doch wer will aufgrund nur einer dieser Rollen eingeordnet werden?

Einseitige Kommunikation?

Paartanz wird gerne verglichen mit Kommunikation, einem Gespräch zwischen den Tänzern. Doch mit der bisherigen Rollenverteilung würde das bedeuten: einer redet ständig, einer hört zu bzw. stimmt ein. Immer. Jede normale Beziehung (egal ob hetero/homo) würde an diesem Modell scheitern. Das galt evtl. noch in 70ern, Frauen sollten bloß den Mund halten. Wollen wir das noch? Sind wir das noch? Wenn Paartanz eher eine Konversation sein soll, wie wäre es, wenn der Führende seine Rolle im Tanz selbst abgibt oder der Folgende sie selbstständig übernimmt? So entstünde echter Dialog. Beide hören zu und beide erzählen. Welch ein Reichtum!

Beide Geschlechter können darüber Kompetenzen für ihre sonst im Alltag erlebten Rollen erfahren: Zuhören und Verantwortung übernehmen, im gesunden Wechsel. So entsteht Veränderung in den Menschen.

Gleichgeschlechtlicher Paartanz—sozial akzeptiert?

Ein Beispiel für Salsa geben die beiden im Video oben ab Minute 9:00. Sie nennen das Liquid Lead und zeigen das anhand des Cross Body Leads.

Bisher ging es vor allem um die Diskrepanz der Rollenverteilung von Mann und Frau beim Führen und Folgen. Doch wie steht es mit dem Paartanzen zweier Männer? Oder zweier Frauen? Ohne jeglichen Hintergrund von sexuellen Präferenzen. Selten findet sich diese Konstellation und wenn eher so:

  • Wenn 2 Frauen tanzen, gibt es oft anzügliche Blicke, Pfiffe und/oder Bemerkungen.
  • Bei 2 Männern wird eine Art Show inszeniert, überspitzt meist dadurch, dass der Folgende recht affektiert feminin tanzt bzw. was er dafür hält. Es gibt keinen freien Raum, in dem diese Konstellation etwas unspektakuläres wäre. Noch sind sie eher Sensation als Standard.

Doch geht es nicht darum, sich mit Menschen (nicht mit dem Geschlecht) zu verbinden und zu tanzen?

Ein wundervolles Beispiel findest Du in diesem Video: Gezielt habe ich danach gesucht, wie zwei Männer miteinander tanzen ohne homosexuellen Subtext. Ohne dass einer kleiner oder schmaler ist. Ohne dass die Rollen festgelegt sind. Diese beiden schaffen es sogar, sinnlich miteinander zu tanzen in ihrer vollen männlichen Präsenz!

Im Tango wird häufig das Wort "queer" für gleichgeschlechtliche Paare benutzt ohne homosexuellen Bezug, obwohl das Wort im öffentlichen Bewusstsein stark mit Homosexualität konnotiert ist.

Im Tanzunterricht würde es wieder um den Kern gehen: Tanzen lernen. Für beide! Körperbewegungen und das genaue Hören der Musik. Achtsamkeit auf der Tanzfläche, Verantwortung übernehmen. Zur Zeit der Recherche fand ich erste Veränderungen: das Infragestellen der Geschlechterrollen und die Erlebnisse einer Tänzerin, die ihr Repertoire des Folgens um das Führen erweiterte.

Es gäbe völlige Unabhängigkeit von der Anzahl der Vertreter beider Geschlechter in Kursen, Workshops, Partys und Festivals. Einen ersten Anfang gibt es in Tanzschulen mit einem Tanzkurs-Konzept basierend auf der freien Auswahl der Rollen, genannt Gleichtanz.

Durch Selbsterfahrung umfassend lernen!

Warum lassen sich Frauen soviel gefallen von Männern? Weil sie froh sind, wenn überhaupt einer mit ihnen tanzt. Wie wäre es stattdessen mit Frauen zu tanzen bei Überschuss? Männer würden mehr nach ihren Fähigkeiten ausgewählt und nicht ob ihrer bloßen Existenz. Im Unterricht würden beide beides lernen und sicher, die Frage wie man gewaltfreies Tanzen für beide Geschlechter als Lehrer im Unterricht umsetzen kann, würde sich ganz schnell erledigen – durch Selbsterfahrung!

Welchen Anteil habe ich daran?

Fragen wir zuerst uns selbst:

  • Wie konditioniert auf die Stereotypien sind wir?
  • Warum empfinden wir vor allem einen großen starken Mann und eine zarte zierliche Frau als wunderschön beim Tanzen?
  • Wie ist das bei zwei Männern? Interessant? Witzig? ... oder bewundern wir nur ihre Fähigkeiten, aber nicht ihre Wirkung?
  • Würden uns die Worte schön oder wundervoll in den Sinn kommen?
  • Fehlt uns die pure Freude daran, sich als Mann mit einem Mann zu verbinden? Oder als Frau mit einer Frau?

Dies kommt vor allem in unseren „hochstilisierten zivilisierten“ Paartänzen zum Tragen, während in den Folkloretänzen dieser Welt deutlich mehr gleichgeschlechtliche Interaktion stattfindet. Sogar in Kulturen, die Homosexualität verdammen.

Vergleich hochzivilisierte Paartänze mit Folklore
Hochstilisierte Paartänze und einfache Folklore
Eigene männliche und weibliche Anteile erkunden

Jeder kann tun, was er möchte auf seine Art. Wenn zwei Männer miteinander tanzen, können sie dies präsent in ihrer Art tun. Mit ihrer Persönlichkeit und Kraft und ihrem eigenen Stolz. Es gibt keinen Grund zu versuchen, wie eine Frau zu tanzen. Im Gegenteil ist gerade hier möglich für einen Mann, seine feminine Seite zu erkunden. Gleiches für Frauen, sie müssen nicht immer weich und anschmiegsam sein. Frauen können ihre bestimmende Seite, die Verantwortung übernimmt, entdecken. Niemand schreibt vor, wann wir wieviel weiblich und männlich sind. Du kannst an einem Tag, in einem Tanz beides fühlen und beides ausdrücken. Das bedeutet vor allem gute Selbstkenntnis—was will ich gerade—und eine echte Kommunikation mit dem Partner. Bereits vor dem Tanz!

Wo fangen wir an?

Ich sehe eine besondere Verantwortung in Tanzlehrern. Sie sind Rollenvorbilder. Sie transportieren ein Bild des Tanzes, den sie unterrichten. Muss es der Macho und die devote sexy Frau sein? Geht es auch anders? Wie sehr trauen sie sich selbst, die andere Rolle einzunehmen und zu lernen? Wie wohl fühlen sie sich damit, das im Unterricht einzubringen? Wie gehen sie mit Widerstand um? Welche Wortwahl für Führen und Folgen wählen sie? Fangen wir doch immer bei uns selbst an!

Be the change you wish to see in the world.M. Gandhi

Lasst den Paartanz im 3. Jahrtausend ankommen und uns darauf besinnen, was er ist: Paartanz ist die Kunst, miteinander in Beziehung zu treten.

verfasst von Diana Horn
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